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Kissing Spine

Kissing Spines – Symptome, Diagnose und Therapie

Kissing Spine ist laut Jeffcott eine der häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen beim Pferd. Vorgekommen sind sie nachweislich bereits bei dem vor ca. 40 000 Jahren lebenden Equus occidentalis (Klide).

Auf Grund der verbesserten Röntgentechnik werden Kissing Spines als Ursache für Rückenprobleme vermehrt diagnostiziert. Dennoch ist Vorsicht geboten, oft sind sie nur die Spitze des Eisbergs, und die eigentliche Pathologie liegt tiefer, manchmal sind sie aber auch ohne klinische Bedeutung.
Bei immerhin 56% der röntgenologisch untersuchten Pferde konnten Kissing Spines gefunden werden. Eine klinisch relevante primäre Rückenerkrankung konnte aber nur bei 27% dieser Pferde diagnostiziert werden ( Ranner und Gerhards 2002). Ein Grund hierfür könnte sein,
dass es zwischen zwei berührenden Dornfortsätzen häufig zur Ausbildung von Pseudogelenken kommt, die nicht schmerzhaft sind.

Definition:

Wir unterscheiden zwischen eng stehenden Dornfortsätzen, berührenden Dornfortsätzen (Kissing Spines) und überlappenden Dornfortsätzen (overriding Spines). All diese können mit und ohne begleitenden Knochenreaktionen (Sklerosierung) vorkommen.

eng stehende Dornfortsätze
berührende Dornfortsätze
überlappende Dornfortsätze

Eine gute Kenntnis der Anatomie (physiologisch breitere Zwischenräume im Brustbereich, Richtungsänderung der Dornfortsätze im Bereich des 15. Brustwirbels sowie individuelle Verschmelzung von L6 mit dem Kreuzbein, Prominentere Dornfortsätze zw. L2 und L5, etc.) ist Voraussetzung zur korrekten Beurteilung. Am häufigsten treten Kissing Spines von T 10-T18 auf.

Symptome:

Verminderte Rückenmuskulatur, Palpationsschmerz, Bewegungseinschränkung sowohl vertikal wie horizontal, Abwehrbewegungen beim Putzen, Sattelschwierigkeiten, Ungehorsam beim Aufsteigen, Durchbiegen des Rückens bei den ersten Schritten bzw. extremes Aufwölben des Rückens, Steigen und Bocken, Verwerfen und schiefes Gehen (auf zwei Hufschlägen), Kopf und Schweif schlagen, klemmen und flüchten, Taktstörungen im
Schritt und im Trab, Probleme beim Setzen und in den Übergängen, häufiges Umspringen im Galopp, Hinterhandfehler bzw. Probleme in Kombinationen beim Springen.
Alle diese Symptome können durch Kissing Spines hervorgerufen werden, jedoch gibt es auch eine Vielzahl anderer primärer (z.B. Muskelentzündung, Eierstockentzündung, Zahnerkrankung) und sekundärer (Reiter, Sattel) Probleme, die eine ähnliche Symptomatik hervorrufen können. Aus diesem Grund ist eine exakte Diagnostik unabdingbar.

Diagnose:

Klinisch:

Vielfach kann bei der Adspektion eine lokal oder generell verminderte Ausbildung der Rückenmuskulatur festgestellt werden welche durch die schmerzbedingte eingeschränkte Beweglichkeit verursacht ist.
Palpatorisch ist meist neben einer Schmerzhaftigkeit auch ein erhöhter Muskeltonus nachweisbar. Auch bei der Palpation der Dornfortsätze selbst sowie des Ligamentum supraspinale können vielfach Abwehrreaktionen hervorgerufen werden. Diskrete Erhabenheiten der Dornfortsätze sind oft durch eine Verdickung des Ligamentum supraspinale bedingt.
Tiefer liegende Strukturen wie Intervertebralgelenke können oft palpatorisch trotz vorhandener Schmerzhaftigkeit nicht nachgewiesen werden.
Neben der Untersuchung in der Ruhe sollte das Pferd immer auch in der Bewegung vorgestellt werden, denn hierbei zeigen sich die Schmerzsymptome in der Regel deutlicher. Dabei sollte das Pferd erst frei und dann mit Longiergurt beurteilt werden. Beim Longieren zeigt das Pferd oft Balanceschwierigkeiten und lehnt sich in die Kurve, anstatt sich zu biegen. Der Druck des Longiergurtes führt bei Kissing Spine Patienten häufig zu auffälligem Verlust der Losgelassenheit. Unbedingt müssen diese Pferde aber auch unter dem Reiter getestet werden, da hier am besten andere Ursachen für die mangelnde Rittigkeit differentialdiagnostisch abgegrenzt werden können. Pferde die von einem schlechten Reiter gearbeitet werden, können beispielsweise ebenso eine Muskelatrophie zeigen, die jedoch in diesem Fall nicht schmerzbedingt ist, sondern durch die mangelnde Aktivität der Rückenmuskulatur hervorgerufen wird.

Röntgen:

Qualitativ gute Röntgenbilder sind Grundvoraussetzung für die Diagnose von Rückenerkrankungen. Entscheidend ist dabei, nicht nur die Dornfortsätze sondern auch die Facettengelenken sowie die Wirbelkörper darzustellen, da wie bereits oben erwähnt die Dornfortsätze oft nur die Spitze des Eisbergs darstellen, und die eigentliche Pathologie tiefer zu finden ist.

qualitativ schlechtes Bild, die Dornfortsätze sind nicht in ihrer Gesamtheit beurteilbar, die Erstellung einer fundierten Diagnose ist mit diesem Bild alleine ist nicht möglich
qualitativ hochwertiges Bild, Dornfortsätze als Ganzes beurteilbar, deutliche Sklerosierung und Kissing Spine, ggr. Sklerosierung im Bereich des Facettengelenks sowie ausgeprägte Spondylose der Wirbelkörper
deutliche Reaktion der Facettengelenke der Lendenwirbelsäule

Bei den Kissing Spines unterscheidet man nach Petersson 3 Grade:

Grad I: Verkleinerte Zwischenräume zwischen 2 oder mehreren Dornfortsätzen mit geringgradiger Sklerosierung der Corticalisränder; laut Röntgenleitfaden 2007 Klasse II – III

Grad II: zwei oder mehr berührende Dornfortsätze mit mittelgradige Sklerosierung der Corticalisränder; sowie teilweise röntgenologische Aufhellungen; Röntgenklasse III-IV

Grad III: zwei oder mehr berührende und überlappende Dornfortsätze mit Sklerosierung der Corticalisränder und/ oder osteolytische Zonen (zystoide Defekte); Röntgenklasse III – IV

Klinisch konnte nachgewiesen werden, dass in vielen Fällen die Schmerzhaftigkeit nicht immer mit dem röntgenologischen Grad korreliert.

Röntgenologisch Grad 2, klinisch aber ohne Befund

Möglichkeiten die klinische Bedeutung eines Kissing Spine zu verifizieren:

1. passt die klinische Symptomatik ( siehe oben)
2. gibt es im Bereich der röntgenologisch nachweisbaren Kissing Spines adspektorisch oder palpatorisch Veränderungen
3. diagnostische Anästhesie ( eine Infiltration der fraglichen Stelle mit 5 – 15 ml Lokalanästhetikum, ca. 20 min. Wartezeit bis zum Wirkungseintritt, erneute Beurteilung unter dem Reiter; Verbesserung nicht immer sichtbar aber vom Reiter spürbar)
4. gibt es Ultraschallbefunde ( Ödeme, Bandläsionen); Kissing Spines können auch mit Ultraschall nachgewiesen werden; besondere Bedeutung hat der Ultraschall zum Nachweis von Veränderungen des Ligamentum supraspinale sowie von Insertionsdesmopathien an den Dornfortsätzen (oft auch röntgenologisch nachweisbar durch dorsale Konturveränderung)
5. Szintigraphie: Die Szintigraphie hat hier eine zentrale Bedeutung bei der Beurteilung der klinischen Relevanz. Nur diese Untersuchung kann sicher feststellen, ob die röntgenologisch reaktiven Areale auch biologisch (stoffwechselaktiv) sind. Häufig ist bei betroffenen Pferden eine größere Anzahl von Dornfortsätzen eng stehend oder berührend, jedoch nicht alle Veränderungen sind reaktiv. Auch die Szintigraphie muß immer im Zusammenhang mit dem klinischen Bild beurteilt werden! Eine positive szintigraphische Reaktion im Bereich der Dornfortsätze ist daher nicht in allen Fällen mit Schmerz gleichzusetzen. Sie ermöglicht aber überdies andere tiefer liegende entzündete Strukturen ( z.B. Facettengelenke) zu lokalisieren.

hochgradige szintigraphische Reaktion (Kissing Spine)

Therapie:

Medikamentell:
· lokale Infiltration mit Entzündungshemmern unter Ultraschallkontrolle ( Cortison, Sarapin etc.)
· Mesotherapie (sehr geringe Medikamentendosen ( z.B. Heparin, Traumeel, Xyloneural, event. in Kombination mit nicht kristallinen Steroiden ) werden mit Lokalanästhetikum kombiniert, und in der schmerzhaften Region und caudal davon (Verlauf der Segmentalnerven) intracutan appliziert. Die Wirkung beruht darauf, dass sie von dort über längere Zeit kontinuierlich abgegeben werden. Durch die Anästhesie der Hautnerven wird eine Schmerzübertragung aus tiefer liegenden Strukturen reflektorische gehemmt und dadurch die Muskulatur entspannt.
Eine Verbesserung tritt nach ca. 7 – 14 Tagen ein, eine Wiederholung bei nicht ausreichendem Erfolg kann nach 3-4 Wochen erfolgen.

Mesotherapie

· Förderung der Muskelbildung
· Systemische Schmerzmittel
· Lokale Applikation von entzündungshemmenden und durchblutungsfördernden Salben

Chirurgisch:
· Resektion des berührenden Dornfortsatzes
· Abfräsen des berührenden Teils und einlegen von körpereigenem Fettgewebe als Schutz

Eine chirurgische Intervention ist nur in den aller seltensten Fällen indiziert. Sie ist nur bei erfolgloser konservativer Therapie gerechtfertigt und erfordert in jedem Fall eine vorangegangene genaue klinische, röntgenologische und szintigraphische Abklärung zur Bestätigung der alleinigen Ursache.
Die Operation ist mit einer längeren Rekonvaleszenz verbunden, die Prognose ist unabhängig von der Dauer der Erkrankung und in den meisten Fällen gut.

Physikalisch:
· Stoßwelle
· Magnetfeld, Laser, Elektrostimmulationstherapie, therap. Ultraschall
· Solarium
· Chiropraktik, Ostheopathie
· Massage

Das A und O für den Erfolg jeder Behandlung ist ein einfühlsamer Reiter, der fähig ist einerseits die Losgelassenheit des Pferdes zu fördern und andererseits etwaige Schmerzreaktionen des Pferdes rechtzeitig zu erkennen.
Boxenruhe ist kontraindiziert.
Übungen die dem Pferd Schmerzen bereiten, sind zu vermeiden. Oft lösen sich die Pferde besser im Galopp ( im Galopp gibt es nur einen langsamen Flexions- Extensionszyklus pro Galoppsprung) als im Trab ( zwei passive Flexion- Extensionsbewegungen pro Trabschritt). Unterstützend sollen die Pferde mit langem, tiefen Hals geritten und longiert werden, eventuell auch über Cavaletti. Handarbeit gymnastiziert und unterstützt den Muskelaufbau zusätzlich und hilft dabei die Pferde locker zu halten.

Oft müssen Pferde mit klinisch relevanten Kissing Spines wiederholt medizinisch therapiert werden, da deren anatomische Veränderung nicht behebbar ist. Bei behutsamer Arbeit ist aber auch ein langfristiger sportlicher Einsatz in den aller meisten Fällen dennoch möglich.

Literatur beim Verfasser
Pferdeklinik Pegasus
office@pferdeklinik-pegasus.at
VÖP Artikel Kissing Spine zum Downloaden:

NL_Kissingspine.